KANU-RENNSPORT: „Dachte nie ans Karriereende“ Der dreimalige Kanu-Olympiasieger Sebastian Brendel im Interview

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© dpa I Mit freundlicher Genehmigung Peter Stein (Märkische Allgemeine Zeitung)

Der Text wurde freundlicherweise von Peter Stein (Märkische Allgemeine Zeitung) zur Verfügung gestellt.

Hinter Sebastian Brendel liegt das erste Jahr ohne sportlichen Höhepunkt. Der dreimalige Kanu-Olympiasieger vom KC Potsdam steckt längst wieder in der Vorbereitung auf die ins nächste Jahr verschobenen Olympischen Spiele in Tokio. Der 32-jährige Polizist spricht im SPORTBUZZER-Interview über eine Saison mit Corona, seinen neuen Trainer Andreas Dittmer und die Ziele für 2021.

Seit 1. Oktober ist Andreas Dittmer, gleichfalls dreimal Olympiasieger, der neue Bundestrainer und für Sie auch Heimtrainer der Canadier-Herren. Wird nun alles anders?

Sebastian Brendel: Nein. Wir trainieren immer noch nach dem vom Deutschen Kanu-Verband vorgegebenen Rahmenplan. Das heißt jetzt vor allem viele Kilometer und Krafttraining, um die Grundlagen für die nächste Saison zu schaffen. Andreas Dittmer hat viele Gespräche mit den Sportlern geführt, langsam spielen sich die Abläufe ein. Wir sind auf einem guten Weg.

Dittmer galt früher als knallharter Trainierer. Hat Sie das in Ihrer Karriere als legitimer Nachfolger beeinflusst?

Sicher war das so. Andreas Dittmer galt als sehr fleißig, einer, der es nie hat schleifen lassen. Von den Trainingskennziffern hat er Maßstäbe gesetzt für den gesamten Verband. Daran habe ich mich immer orientiert. Insofern liegen wir auf einer Wellenlänge. Wir wissen beide, was zu tun ist, um erfolgreich zu sein.

Die Olympischen Spiele sind um exakt ein Jahr verschoben. Gestalten Sie die Vorbereitung auch so wie im Vorjahr zur selben Zeit?

Ja und nein. Es ist ja nicht mal mehr ein Jahr bis zu den Spielen Ende Juli 2021. Da kann man nicht mehr so viele neue Sachen machen. Aber ich trainiere jetzt nicht Woche für Woche nach dem Plan aus dem Vorjahr. Das läuft schon anders. Wir wollen auch ein paar neue Dinge ausprobieren. Zum Beispiel gehe ich erstmalig in die Höhenkammer am Olympiastützpunkt hier in Potsdam. Das Höhentraining hatte bei Dittmer früher positive Effekte. Jetzt werde ich beim Krafttraining schauen, wie mir die Höhenluft bekommt. Aber ich schlafe dort drin nicht.

Wie haben Sie die zurückliegende Saison erlebt, als ja erst die Olympischen Spiele verschoben wurden und Sie dann auch erstmals keine internationalen Höhepunkte hatten?

Ich sehe es aus jetziger Sicht als hilfreich an, mal ein Jahr gehabt zu haben, in dem ich mir ein bisschen mehr Ruhe gönnen konnte. Mental und auch körperlich ist mir das gut bekommen. Ich hatte auch mal mehr Zeit für die Familie. Ich fühle mich unterm Strich derzeit besser als vor einem Jahr, ich bin ausgeruhter und motivierter. Das war eine wichtige Entscheidung. Natürlich wäre ich auch lieber zu den Olympischen Spielen gefahren, zumal die Vorbereitung im vergangenen Winter mit zwei Trainingslagern in Florida optimal lief. Es fiel mir schwer, mich für das Training zu motivieren. Die Ziele, für die ich in den letzten Jahren gekämpft habe, also Olympische Spiele und Weltmeisterschaften, gab es nicht. Es gab Trainingswettkämpfe, nicht mehr und nicht weniger.

Dabei wurden Sie vom Berliner Conrad Scheibner im Canadier-Einer mehrmals bezwungen. Wie gehen Sie damit um?

Conrad Scheibner ist ein ernstzunehmender Gegner, der sich in den letzten Jahren gut entwickelt hat. Wir werden sehen, wie es im nächsten Jahr weitergeht. Mein Augenmerk lag auch auf dem Zweier, wo ich mit meinem neuen Partner Tim Hecker zwei gute Rennen abliefern konnte. In dieser Hinsicht haben das Jahr und die Verschiebung der Spiele nicht geschadet. Im Gegenteil, das hilft uns, uns noch besser aufeinander abzustimmen.

Inwiefern beeinträchtigen die Corona-Schutzmaßnahmen Ihr Training?

An das Tragen von Mund-Nasen-Schutz in Räumen hat man sich gewöhnt. Im Kraftraum gibt es entsprechende Desinfektionsmittel. Ich schaue schon, dass nicht zu viele Personen in einem Raum sind. Bisher haben wir das ganz gut hinbekommen. Im Boot auf dem Wasser gibt es sowieso keine Einschränkungen. In den Herbstferien haben wir als Familie auf den geplanten Urlaub im Ausland verzichtet. Meine beiden schulpflichtigen Kinder waren stattdessen bei den Schwiegereltern in Magdeburg.

Kam Ihnen nach der Olympia-Verschiebung mal der Gedanke, die Karriere zu beenden?

Nein, der war nie da. Auch jetzt gehe ich absolut davon aus, dass die Spiele im nächsten Jahr in Tokio stattfinden. Darauf bin ich zu 100 Prozent fokussiert. Wenn man sich Gedanken machen würde, was wäre wenn, dann würde man einfach zu viele Kräfte verschwenden. Das kann ich mir nicht leisten, wenn ich Erfolg haben will.

Hat der Stellenwert des Sports nicht generell in der Corona-Zeit gelitten?

Wenn man die Probleme in der Wirtschaft und anderen Bereichen sieht, dann ist das absolut verständlich. Viele kämpfen um ihre Existenz. Andererseits hat auch die Krise gezeigt, wie wichtig der Sport ist. Viele haben individuell weiter trainiert, die digitalen Trainingsanleitungen hatten Hochkonjunktur. Und im Profibereich ist Sport ja auch ein großer Wirtschaftsfaktor, an dem viele Arbeitsplätze hängen.

Hatten Sie wegen Corona Probleme mit Sponsoren?

Nein, alle unterstützen mich weiter, das hat sich gleich bei den ersten Telefonaten gezeigt. Auch die Sporthilfen von Bund und Land laufen weiter. Das macht mich stolz und glücklich, Existenzsorgen sind bei mir nicht aufgekommen. Ob das so bleibt, wird sich zeigen und hängt davon ab, wie die Unternehmen die nächste Corona-Welle und die entsprechenden Einschränkungen überstehen. Wenn sie das Sponsoring in einer wirtschaftlich schwierigen Lage aussetzen würden, kann ich das verstehen.

Welche Ziele haben Sie für 2021?

Ich will gesund bleiben und mich für die Olympischen Spiele qualifizieren. Ich bin nicht der Typ, der vorher groß rausposaunt, ich will Olympiasieger werden. Da bleibe ich mir treu, das mache ich nicht.

In diesem Winter wird es wohl kaum in mehrere Trainingslager nach Florida gehen. Welche Pläne gibt es?

Statt nach Florida soll es Ende November in die Türkei gehen. Ob das so bleibt, wird man sehen. Ich kann zu Hause gut trainieren. Ich bin auch bei minus fünf Grad und Sonne noch auf dem Wasser. Das ist mir angenehmer als ein Grad und Schneeregen. Und wir haben die Gegenstromanlage. Ich trainiere aber lieber im Freien, weil der Faktor Wind und Wellen bei unserem Sport einfach dazu gehört.

Sie haben 14 Jahre bei Ralph Welke trainiert, der am Bundesstützpunkt nun koordinative Aufgaben übernommen hat. Was verdanken Sie ihm?

Wir hatten eine sehr erfolgreiche Zeit. Wir haben uns immer gut verstanden, auch wenn wir nicht immer einer Meinung waren. Aber wir haben das offen angesprochen und gelöst. Der Erfolg hat ihm und mir Recht gegeben. Wir waren ein gutes Team.


Potsdam, 11.11.2020 I Peter Stein, Märkische Allgemeine Zeitung
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